Taiwan: Freunde, Freiheit, Frieden?

Taiwan: Freunde, Freiheit, Frieden?

Fünf Eindrücke von der “schönen Insel” Formosa.

Als Sinologie-Student steht es quasi fest, irgendwann ins chinesischsprachige Ausland zu gehen, um sich einen persönlichen Eindruck von der Kultur zu verschaffen, die man zu Hause studiert. 
Die Volksrepublik China ist das Ziel vieler Studenten, die alle Ähnliches berichten: Einige Festlandchinesen starrten sie an, fotografierten ungefragt, behandelten sie eher unhöflich. Vielen Auslandsstudenten fiel es schwer, Freundschaften mit Chinesen aufzubauen.. 

Über Taiwan fällt das Urteil viel besser aus.
Es heißt, Taiwanesen seien extrem freundlich, und dem kann ich auch nur zustimmen. Ursprünglich wollte ich in der VRC studieren, bewarb mich für zwei Stipendien und wurde zweimal abgelehnt.

Taiwan war keine Option für mich, bis ich eine Taiwanesin in Leipzig kennen- und lieben lernte.
Dann habe ich auf mein Herz gehört. Dank der finanziellen Unterstützung meiner Eltern bin ich nach Taiwan geflogen, um ein Jahr an Taipei´s Shida Chinesisch zu lernen.
Ich durchlebte viele Höhen und Tiefen, Liebe und Trennungsschmerz.
Ich gewann Freunde, war dennoch manchmal einsam, wenn ich zu viel Zeit in Internetcafes oder der Bibliothek verbrachte. 

Doch egal, wo ich mich befand, fühlte ich mich sehr willkommen und sicher.
Fast überall konnte ich mir Tempel ansehen, oft gab es etwas über Kultur und Geschichte der Insel zu lernen, das mich faszinierte, und mich manchmal überrollte.
Viele Menschen sind sehr höflich und zurückhaltend, trotzdem sehr herzlich und es ist keine Seltenheit, dass Taiwanesen meine Line-ID oder mein Instagram erfahren wollten. Hier möchte ich fünf Eindrücke schildern, die ich im Lauf meines Jahres auf dieser schönen Insel Formosa sammeln durfte.  

Taiwan ist voller Natur. In Taipei konzentrieren sich aber viele Menschen.
Im Hintergrund ist Taiwans höchstes Gebäude, das Taipei 101.

1) Taiwan – Mir fehlen die Worte

Am Ende des chinesischen Bürgerkrieges im Jahr 1949 floh die regierende Partei  der Republik China, 國民黨 (Guómíndǎng) in die chinesische Provinz Taiwan.  
Die Regierungen in Taipei und in Peking beanspruchten, das “wahre” China zu sein. 
Nachdem ich auf Taiwan gelandet war, wusste ich nicht, ob ich von Chinesen oder Taiwanesen sprechen sollte. Das klärte sich rasch auf. 
Weder in aktuellen Lehrwerken noch in vielen Gesprächen fiel das Wort China sehr oft.
Die Republik China taiwanisiert sich:   

Es gibt taiwanesische Literatur, Fernsehserien, Musik und Religionen. 
Jahrhunderte vor Ankunft der Guomindang kamen Chinesen aus der Provinz Fujian auf das bereits bewohnte Taiwan, und brachten ihre Kultur und Sprache – Min Nan  – mit. 
Taiwanesen bezeichnen ihre Sprache heute als Taiwanesisch, und ihre Religionen als taiwanesische Religionen. 

Der Glaube an Mazu entstand auf Fujian, dem Festland.
Teilnehmer sprachen jedoch stets von taiwanesischer Kultur

Also habe ich gelernt, immer von Taiwan zu sprechen. 
Zurück in Hamburg bediente ich beim Jobben im Frühstücksservice eines Hotels zufällig Generäle der chinesischen Volksbefreiungsarmee, die eine Messe besuchten.
Wir sprachen chinesisch, also fragte mich einer, ob ich in China gewesen wäre.
Jetzt fehlten mir wieder die Worte.
Die allermeisten Festland-Chinesen betrachten Taiwan als abtrünnige Provinz der VRC.

Ich halte den Status quo, unter dem beide Regierungen koexistieren, Taiwan und die VRC Handel treiben und kriegerische Auseinandersetzungen möglichst vermeiden, für die derzeit beste Lösung.
Ich hatte kein Interesse an einer Grundsatzdiskussion mit den Generälen, und sagte ja, ich war in China, Taipei. 

2) China könnte es nicht schaffen 

Ginge es nach vielen jungen Taiwanesen, dann wäre Taiwan offiziell unabhängig von der VRC.
Doch wissen sie auch, die kommunistische Partei Chinas tolerierte keine formelle Unabhängigkeitserklärung und wäre bereit, in diesem Fall ihre “Volksbefreiungsarmee” vorbeizuschicken.
Bis mindestens Januar 2020 wird die Demokratische Fortschrittspartei (eng. DPP) Taiwan regieren.
Sie favorisiert die Unabhängigkeit von der VRC. 
Peking droht Taipei – notfalls mit militärischen Mitteln – Taiwan als Provinz der VRC wieder einzugliedern. Xi Jinping spricht vom Jahr 2049 als Frist dafür.

Das klingt beängstigend. 
Einmal pro Jahr führt das taiwanesische Militär eine Übung durch, bei der eine Ausgangssperre unter Androhung von Bußgeldern bei Übertretung für Zivilisten verhängt wird.
Viele Taiwanesen blicken pessimistisch auf die Stärke ihrer Armee. 
Eine Studie, die der Militärexperte Ian Easton in seinem Buch “The Chinese Invasion Threat: Taiwan´s Defense and American Strategy in Asia” veröffentlichte, zieht den Schluss, dass es China, entgegen der Rhetorik, nicht schaffen könnte, Taiwan zu erobern. 

Dieser Artikel hat mich in überzeugt:
Das US-Militär bräuchte zwei Wochen, bis es Taiwan erreicht.
Ein Überraschungsangriff der VRC wäre deshalb das wahrscheinlichste Szenario, das sich dennoch im Bereich des Unmöglichen bewegt.
Die chinesischen Geheimdienste sind von taiwanesischen Spitzeln unterwandert, die Taipei mit Informationen über Vorhaben der VRC versorgen.
Außerdem könnten Satelliten eventuelle Vorbereitungen des Festlandes erfassen.
Die Häfen und Städte sind auch in Friedenszeiten umfangreich gegen einen Angriff gerüstet. 

Das Militär kann die Küste mit Minen sichern und die Infrastruktur blockieren. Auch in Städten wurden viele Sicherheitsmaßnahmen getroffen.
In Taiwan gibt es 2,5 Millionen Reserveeinheiten, die in Bunker fliehen können. Attrappen militärischer Infrastruktur erschweren präzise Anschläge enorm. 
Das volksrepublikanische Militär ist zwar mächtig, doch sind zur Verteidigung der Insel weniger Soldaten, Ausrüstung und Budget notwendig.  

Vielleicht schätze ich die Situation falsch ein, aber ich kann mir keine chinesische Invasion vorstellen, weil sie zu schwer durchführbar wäre und sich auf destabilisierend auf das Festland auswirken könnte. 
Die diplomatischen Konsequenzen wie bspw. Handelsembargos verminderten die Macht der VRC.
Vielleicht ist es für die VRC vorteilhaft, es bei der aggressiven Rhetorik zu belassen.

Allerdings bleibt der Alltag der Menschen auf Taiwan von derartigen Erwägungen zumeist unberührt. In Taiwan ist das Leben sehr entspannt. 
Wichtiger ist es, Freundschaften zu schließen und das Leben zu genießen. 

3) Freundschaften 

Ganz anders als man es vom Festland hört, war es in Taiwan kein Problem, Freunde zu finden. 
Es begann schon bei meiner riesigen WG, in der  ich mit knapp 20 Menschen zusammenlebte. Meine taiwanesischen Mitbewohner interessierten sich für meine Geschichte mit Ostasien. Abends konnte ich mit ihnen fernsehen, konnte Fragen zu meinen Hausaufgaben stellen und essen teilen.

Ein Freund hat mir meine spätere Tandempartnerin und gute Freundin Julia vorgestellt.  Wir haben uns oft in einem der vielen schönen Kaffees verabredet um Chinesisch und Deutsch zu üben.
Wir haben viel dabei gelacht, ich habe deutschsprachige Freunde und sie Taiwanesen mitgebracht. Außerdem waren wir oft auf Nachtmärkten oder spazieren Inzwischen studiert sie in Deutschland und bald treffen wir uns mal wieder. 

Beim Hitchhiking lernte ich Akira aus Neu-Taipei kennen. Er begeistert sich für Japan und spricht kaum Englisch.
Wir waren oft auf Nachtmärkten, ich versuchte, das traditionelle Tischspiel Ma-Jiang von ihm zu lernen, wir besuchten heiße Quellen, beteiligten uns an Reinigungsaktionen am Strand und liefen zusammen über 4 Tage auf dem Mazu-Pilgermarsch. 

Ich finde es einfacher, in Taiwan Freunde zu finden, als in Deutschland oder in Neuseeland, wo ich ein Austauschjahr absolvierte.
Es gibt nur einen Ort, an dem sich keine taiwanesischen Freunde finden lassen: An der Sprachschule.
Dafür habe ich dort sehr beeindruckende Menschen kennengelernt. 

Von rechts: Cedric, Mile, Akira und ich

Ich habe den Eindruck, dass meine Sprachschule ein Ort ist, an dem viele motivierte Menschen ihre Träume verfolgen. 
Mich beeindrucken zum Beispiel mein polyglotter, belgischer Freund Cedric, der mit nur 21 Jahren entschlossen hat, in Taiwan seine 10. Fremdsprache zu lernen.
Wir trampten fast jeden Urlaub zusammen. 
Des Weiteren traf ich auf junge Gründer, einen professionellen Fotografen in seinen 20ern, einen Mönch aus Bhutan, Sinologen, die in Yale und Prag studieren, andere Blogger… Die Liste ist lang. 

4) Verehren Taiwanesen alles ausländische oder ist das positiver Rassismus?  

Taiwanesen waren mir gegenüber oft außergewöhnlich freundlich.
Ich bin ihnen dafür sehr dankbar, doch manchmal empfand ich es wahrsten Sinne des Wortes unglaublich.
Eine Taiwanesin behauptete gegenüber ihrem tschechischen Freund, Taiwanesen 崇洋媚外 (chóngyángmèiwài), d. h. sie verehren alles Ausländische. 
Obwohl dieser Ausdruck übertrieben ist, stimmen ihm doch viele Taiwanesen zu. 

In Geschäften sah ich deutsche Produkte, die ich zu Hause noch nie gesehen hatte.
Viele wollen Fremdsprachen lernen und einmal im Ausland arbeiten, schauen ausländische Serien und manchmal hörte ich Anglizismen in den Unterhaltungen junger Taiwanesen.
Sogar das Christentum hat es bis nach Taiwan geschafft.

Als westlicher weißer Mann wurde ich bevorzugt behandelt.
Ich halte es angebracht, von positivem Rassismus zu sprechen.
Als weißer Ausländer hielten mich viele für wohlhabend und schrieben mir gute Englisch-Kenntnisse zu, mit denen ich mit Leichtigkeit einen Job als Englischlehrer bekam.
Auf Reisen wurde ich fast jeden Tag mitgenommen und immer wollte mir – dem Ausländer –  jemand helfen.
Ich genoss die Freundlichkeit, die mir manchmal sogar ein schlechtes Gewissen bereitete.
Hätten dieselben Leuten auch Taiwanesen oder Migranten aus Südostasien geholfen?

Wenn man mich jedoch fragt, was mich am meisten in Taiwan stört, dann ist meine Antwort die verbreitete Annahme, dass westliche Ausländer kein Chinesisch sprechen.

„Du sprichst Chinesisch sehr gut!“ – Ein nett gemeintes Kompliment. Jeder der versucht, mit Muttersprachlern auf Mandarin zu sprechen, hat es bestimmt schon gehört.
Mehr Memes auf Nihaositgoing.com.

Einmal war ich mit einer Thailänderin einkaufen, die damals noch kaum Chinesisch konnte. 
Auf dem Markt sprach ich mit der Händlerin, die aber eher mit der Thailänderin reden wollte. Egal was ich sagte, hat sie immer mit der Thailänderin gesprochen, die aber kaum etwas verstanden hat.  
Ähnliches passiert oft.
Und in solchen Situationen fühlte ich mich diskriminiert.

So überraschten meine Chinesischkenntnisse viele und sie lobten mich teils überschwänglich, selbst wenn ich nur nǐhǎo gesagt habe.
Nach dem 100. Mal störte mich das fast so sehr, als wenn sie Englisch sprechen wollten. Auch das ist nämlich oft vorgekommen. Viele möchten üben.
Na ja, das kann ich verstehen.
Ich möchte schließlich auch eine Fremdsprache lernen. 

Es wäre unfair, benutzten wir nur die Sprache, die ich möchte.
Also habe ich manchmal Englisch mit Taiwanesen gesprochen, auch wenn ich das lieber vermied. 
Die Freunde, mit denen ich jetzt noch in Kontakt stehe, können entweder kein Englisch oder lernen Deutsch.

5) Das freie China?  

Taiwan bedeutet für mich Freiheit. Egal ob im Unterricht, mit neuen Bekanntschaften oder Freunden: Ich konnte meine Meinungen frei äußern und andere nach ihren Meinungen zu allen möglichen Themen fragen, selbst zur Politik. 

Das ist nicht selbstverständlich. Einmal sprach ich mit einer Festland-Chinesin auf Taiwan, die zuerst ablehnte, ihre Meinung zu China zu äußern.
Neben Meinungsfreiheit hatte ich die Freiheit zu reisen, ob per Anhalter oder günstigen Zug.
Alles in allem ging es mir auf Taiwan richtig gut.

Ich schätze die Menschen und meine Freiheit , fühle mich in jeglicher Hinsicht sicher, selbst wenn ich mir meiner Privilegien als Weißer mit zahlenden Eltern bewusst bin.
Ich bin sehr neugierig, wie es für mich wäre, eine Zeit lang auf dem Festland zu leben. Das möchte ich nach dem Bachelor tun. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass ich mich dort langfristig so wohl fühlen könnte wie auf meinem geliebten Taiwan.

Dieser Beitrag hat 4 Kommentare

  1. Cooler Artikel, sehr interessant 👌

  2. Super geschrieben! Guter Artikel!

    1. Danke dir, Bernd!

Schreibe einen Kommentar

Menü schließen